Der verklebte Wille

Der Wille und dessen Freiheit beschäftigen den Menschen, seit er Mensch ist - oder zumindest, seit er Denken kann und sich des Mensch-Seins bewusst ist.

Postuliert wird, dass der freie Wille zum Menschen gehört, aber was ist mit unserer Willenskraft los, wenn wir merken, dass wir etwas, das wir (vermeintlich) wollen, bisweilen nicht umsetzen können? Was steht dem freien Ausagieren des Willens im Wege?

Dies hat mit unserer Entwicklung als Menschen zu tun, je nach dem, wo wir stehen, haben wir stärkeren oder schwächeren Zugriff auf unseren Willen. Und der Weg, unseren Willen zu befreien, liegt nicht darin, die bestehenden Widerstände, die zweifelsohne da sind, zu brechen. Das Brechen von etwas hat nichts mit Freiheit zu tun, somit liegt nahe: Es muss einen anderen Weg geben.

Zunächst aber einmal, was überhaupt behindert unseren Willen; oder anders gefragt, weiß ich überhaupt, was ich will? Viele von uns kennen das Nicht-Wollen - dieses ist ein Anzeiger für Unfreiheiten. Denn wenn ich etwas nicht will, will ich mich genau aus diesem befreien. Somit ist dieses Wollen ein zwar eigenes Wollen, aber gegen etwas gerichtet, welches wohlmöglich gar nicht meines ist. Und damit kommen wir den "Verklebungen" des Willens bereits auf die Spur.

Wir sind während unseres Lebens vielen Situationen begegnet, in denen wir uns nicht frei entscheiden konnten. Das muss gar nichts dramatisches sein. So kann es eine Begebenheit sein, in der einem die Eltern aus Fürsorge etwas ge- oder untersagt haben. Nach diesem hatten wir uns dann zu richten, sie waren die Großen, die sich auskennen und wir haben es angenommen. Solche Situationen gibt es viele im Leben, wir übernehmen Dinge von anderen.

Und irgendwann in unserem Leben kommt die Zeit, sich von diesen Übernahmen wieder zu befreien, unseren eigenen Willen zu entdecken und diesen auszuleben - zunächst kennenzulernen, auszutesten und dann auszuleben. Beginnen tut es mit dem "Nein". Dies geschieht zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben. Manch einer wächst in seiner kindlichen Entwicklung bereits dort hinein und kann seinen Willen erkunden, manch einer leidet sein Leben lang unter etwas - bisweilen Unbewusstem - und sieht sich in einem permanenten Kampf, sozusagen einem "Nein, aber".

Das Erobern des eigenen und freien Willens liegt in der Aufgabe, zu erkennen, was einen hindert. Sei es die Stimme im Kopf, die tönt wie ein Elternteil, sei es die Meinung von Bekannten, die einem andere Wege vorschlagen, sei es die Gesellschaft, in der wir leben, die uns etwas erzählt, was mit unserem Inneren nicht in Einklang zu bringen ist.

Es ist unser Inneres, das uns auf unseren Willen aufmerksam macht. Und hier beginnt der Weg, diesem nachzugehen. Unser Inneres ist nicht unser Kopf oder unsere Gedanken - diese sagen uns einerseits: Du hast einen freien Willen und andererseits: Tu das nicht, sonst ... Diese beiden Stimmen gilt es zu beobachten und in Einklang zu bringen. Die Tu-das-nicht-Stimme ist die, die unseren Willen verklebt, die Stimme und die damit verbundenen Gefühle, die auftauchen, bis hin zu angestauten Emotionen. Und diese können wir nicht einfach mit dem Denken ausschalten. Sie spielen auf einer anderen Ebene in uns. Und sie wollen ebenfalls gehört werden - an ihnen kommen wir nicht vorbei. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben entschlüsseln unseren Weg zu unserem Willen.

Der Wille selbst will ich befreien, befreien von den Lasten der Vergangenheit. Ignorieren der Hürden kommt einem Brechen der Widerstände gleich und laugt uns aus, denn trotzdem wir unter Aufbringung all unserer Kräfte unseren Willen durchgesetzt haben, befriedigt es uns nicht in der Form, ihn erreicht zu haben, als dass es den Energieaufwand ausgliche.

Kommen wir zu dem Wollen, welches kein Nicht-Wollen ist. Zu beachten ist hierbei, wirklich in sich hinein zu hören, ob der aufkommende Willensimpuls ein ur-eigener ist: Vor dem eigenen Willen liegen nämlich auch vermeintlich eigene Willen. Diese sind, ebenso wie viele der Hürden, von außen diktiert und verkleben unseren innersten und damit freien Willen.

Gehen wir dem Willen auf die Spur, folgen wir unseren Gedanken und Gefühlen bis in unsere Gewohnheiten hinein. Diese Gewohnheiten - das werden wir alle schon einmal erfahren haben - sind in gewisser Weise recht träge. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie tief in uns liegen und dort Wurzeln geschlagen haben. Sie sind gut, sie geben uns Sicherheit, sie sind erlernt aus Erfahrungen uns helfen uns im Leben zu stehen. Sie sind Lebens- und Überlebens-Strategien, helfen uns im Alltag und bei der Orientierung - und sie sind in unser Unbewusstes übergegangen. Sie haben ihren Sinn.

Und manche von ihnen haben ihren Sinn bereits erfüllt, sind jedoch geblieben. Diese spielen im Heute die Rolle der Blockaden des freien Willens. In unserer Entwicklung werden wir auf Gewohnheiten aufmerksam, die ihren Sinn erfüllt haben und die wir nicht mehr brauchen. Dieses Gewahr-Werden und das Durchdenken und Durchfühlen, das Aufarbeiten der damit zusammenhängenden Erfahrungen oder Emotionen lässt uns Schritt für Schritt unseren Willen befreien.

Wir haben den freien Willen - nicht vollumfänglich als Geschenk, sondern - als Anlage, ihn in uns bewusst zu entwickeln. Der verklebte Wille kann unser Lehrmeister sein auf dem Weg zu unserem freien Willen.